© Foto: Fam Schloss

Gedenkschild für jüdische Familie – Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus

Das Zentrum für Stadtgeschichte arbeitet im Projekt „Opfer des Nationalsozialismus in Ingolstadt“ stetig an der Aufarbeitung der Lebensgeschichten von Menschen, die unter der Schreckensherrschaft der Nazis gelitten haben. Am Montag, den 3.Juli wird in der Harderstraße ein Gedenkschild für die Familie Schloss angebracht, danach gibt es einen öffentlichen Vortrag am Reuchlin-Gymnasium. Dafür sind die Nachfahren 5 Tage lang in Ingolstadt zu Besuch. Neben einem Empfang im Rathaus ist auch ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof geplant.

© Foto: Fam Schloss

Biographie Familie Schloss:

Aus dem unterfränkischen Marktbreit zog der Bankier David Schloss (geboren 1867 in Bechhofen) 1901 zusammen mit seiner Frau Theresia, geb. Lehmann (geboren 1875 in Egenhausen), und ihren zwei Kindern nach Ingolstadt. Beide Kinder kamen in Marktbreit auf die Welt. Max war drei Jahre alt und seine Schwester Anna ein Jahr, als sie nach Ingolstadt umzogen. Bis 1925 wohnte die Familie Schloss in der Harderstraße 11. Theresia Schloss verstarb im Juli 1938 im Alter von 63 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ingolstadt beigesetzt.

Kurz darauf zog David Schloss, der auch Vorsitzender der Ingolstädter jüdischen Gemeinde war, nach München. Von dort trat er im September 1940 zusammen mit seinen beiden Brüdern Amson und Max eine sehr abenteuerliche und anstrengende Flucht an. Sie führte die älteren Männer – David war zu diesem Zeitpunkt bereits 73 Jahre alt – über die Sowjetunion, durch die von Japan besetzte Mandschurei nach Japan und weiter über Panama in die Dominikanische Republik. Als David Schloss schließlich im Juni 1941 in die USA einreisen konnte und die Familie von Sohn Max wieder traf, war er neun Monate unterwegs gewesen und ernsthaft erkrankt. David Schloss erholte sich nicht mehr von den Strapazen seiner Flucht und starb im April 1942 in New York.

Anna Schloss heiratete im Mai 1923 den Lehrer Dr. Fritz Stern und zog noch im gleichen Jahr nach Berlin, wo sie im Juli 1926 ihre Tochter Beate auf die Welt brachte. Nach der Entlassung aus dem öffentlichen Schulwesen in Deutschland floh die Familie im Herbst 1933 in die Türkei, wo Fritz zunächst an der Deutschen Schule in Istanbul und später ab 1936 an einer anderen Schule seine Unterrichtstätigkeit fortsetzte. Die Familie kehrte nach einer wirtschaftlich und gesundheitlich höchst schwierigen Zeit 1957 zurück nach Deutschland, wo Dr. Fritz Stern drei Jahre lang eine Schule im hessischen Darmstadt leitete. Nach dem Tod ihres Mannes war Anna Stern für ein halbes Jahr von Mai bis November 1966 zurück nach Ingolstadt gezogen. Anna Stern verstarb 1967 in Darmstadt. Wo ihre Tochter Beate später wohnte, ist unbekannt.

Max Schloss besuchte von 1908 bis 1917 das Königliche Humanistische Gymnasium zu Ingolstadt, heute Reuchlin-Gymnasium. Nach seinem Abitur und seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg zog er 1921 zunächst nach Freiburg und kurz darauf nach München. Als er dort sein Medizinstudium abgeschlossen hatte, folgte er seiner Schwester 1924 nach Berlin, wo er Ende 1931 Lisbeth Cecile (Cissy) Landsberger heiratete. Ein gutes Jahr später kam ihre Tochter Gabriele (Gabi) auf die Welt. Direkt aus seiner Wohnung heraus am Kurfürstendamm wurde Max Schloss von den Nationalsozialisten während der Novemberpogrome 1938 ins KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er über vier Wochen festgehalten wurde.

Ende Januar 1939 gelang Max Schloss zusammen mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter per Dampfschiff ab Hamburg die Flucht aus Deutschland, zuerst nach Kuba – wo sie vier Monate blieben – und dann Anfang August 1939 in die USA. Die Familie lebte in New York, wo Max als Gynäkologe und später als Anästhesist praktizierte. Er war als Arzt an den ersten Brustoperationen in den USA beteiligt. Ende 1958 verstarb er im Alter von 60 Jahren in New York an einem Schlaganfall infolge von Bluthochdruck, an dem er bereits im KZ Sachsenhausen erkrankte.
Gabi Schloss heiratete 1955 Gilbert (Gil) Herer in New York und starb im Sommer 2022 im Alter von 89 Jahren. Ihre gemeinsamen Töchter, Lisbeth und Karen, wohnen heute ebenso wie ihr Vater Gil im Großraum Washington, D.C. Karen und Alberto Belt haben drei Kinder – Tyler, Spencer und Lilly.
(Biografie: Markus Schirmer, 2023)

Bilder: Fritz Stern mit seinen Kindern Anna und Max Schloss ca 1915 ( Familienbesitz )  und Cissy, Gabi und Max Schloss ca 1945  ( Familienbesitz )